Krankenhauskeime

Bloß nicht zu viel steril! – Wie die Forschung Krankenhauskeimen beikommen will

Es war Florence Nightingale, Pionierin der Pflege, Reformerin des Sanitätswesens und der Gesundheitsfürsorge, die sich vor rund 200 Jahren dafür aussprach, frische Luft in Krankenzimmer zu lassen, um den Genesungsprozess voranzutreiben.

Carrie Arnold veröffentlichte 2014 einen beachtenswerten Artikel in den Environmental Health Perspectives (EHP), eine monatlich erscheinende Zeitschrift für Umweltgesundheitsforschung, die mit Unterstützung des National Institute of Environmental Health Sciences veröffentlicht wird. Carrie Arnold schrieb über Forscher, die Krankenhäuser als eigenständige Ökosysteme betrachten, um zu verstehen, welche Mikroben wo genau vorkommen.

Die Forscher verfolgten den Ansatz, dass im Krankenhaus erworbene Infektionen häufig nicht durch die Existenz schädlicher Mikroben entstehen würden, sondern vielmehr durch das Fehlen nützlicher Arten. Das Krankenhausmikrobiom sei ein wichtiger Teil des „Immunsystems“ eines Krankenhauses und könne in einigen Fällen zum Schutz der Patienten beitragen. Der Artikel zitiert auch Jack Gilbert, einen Umweltmikrobiologen der Argonne National Laboratory, der sagt: „In den letzten 150 Jahren haben wir buchstäblich nur versucht, Bakterien zu töten. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Hinweisen darauf, dass dieser Ansatz nicht funktioniert“.

Desinfektion tötet auch das Gute

Dieser Ansatz der Desinfektion und Sterilisation tötet eben alles ab – auch die guten Bakterien, die ein Organismus braucht, um gesund zu bleiben oder zu werden. Und er fördert ein Übergewicht an pathogenen Keimen.

Jonathan Eisen, Ökologe an der Universität von Kalifornien, Davis, merkt im Artikel an, dass „einige Sterilisierungsmaßnahmen auf lange Sicht möglicherweise nicht hilfreich [seien], weil man Ökosysteme beseitigt, die dann anfällig für eine Wiederbesiedlung durch Krankheitserreger und nicht nur durch normale Bakterien sind“. Desinfektion und Co. verdrängen die schädlichen Keime. Sie treten dann aber vermehrt in Aktion, wenn die guten Mikroben zerstört sind – denn dann haben Sie keinen Gegenspieler mehr. Die Konkurrenz der Keime ist verringert. So fördern Krankenhäuser möglicherweise sogar die pathogenen Arten.

Eine Lösung gegen gefürchtete Krankenhauskeime wäre es, die guten, nicht-pathogenen Bakterien auf Krankenhausoberflächen zu kultivieren und dann zu beobachten, ob dies zu einer gesünderen Krankenhausumgebung führt. Schon das Öffnen von Fenstern nach außen verändert die Mikroben in der Luft drastisch, was unsere Gesundheit beeinflusst. Die Luft in unseren Innenräumen ist deutlich belasteter als die sprichwörtlich frische Luft draußen. Das wusste bereits Florence Nightingale vor 200 Jahren.

Mikrobielle Kontrolle von Krankheitserregern

Auch in Europa sind die Forschenden zunehmend am Mikrobiom und an Probiotika, den guten, gesundheitsfördernden Bakterien interessiert. 2019 veröffentlichte „Nature Communications“, eine multidisziplinäre Fachzeitschrift für Biologie, Gesundheit, Physik, Chemie und Geowissenschaften, eine Studie von Mitgliedern des Instituts für Umweltbiotechnologie der TU Graz mit dem Titel „Man-made microbial resistances in built environments“. Das alarmierende Ergebnis der Forschungsarbeit lautete: Viel Hygiene fördert multiresistente Keime.

„In stark mikrobiell kontrollierten Umgebungen der Intensivstation und der industriell genutzten Reinräume finden sich vermehrt Antibiotikaresistenzen, die ein hohes Potential aufweisen, sich mit Krankheitserregern zu verbinden“, wird Alexander Mahnert, der Studienleiter von MDR Wissen zitiert.

Die unselektierte Abtötung vieler Mikroben in der bebauten Umwelt beeinflusse die Gesundheit negativ, da die Entwicklung eines starken Immunsystems von der Vielfalt an Mikroben in der Umwelt abhängen kann. Und das hat auch viel mit den Räumen und ihrem Klima zu tun. Die Forschenden geben auch zu denken, dass Baumaterialien vielfältiger ausgewählt werden können, um eine größere mikrobielle Vielfalt zu ermöglichen. Auch die Oberflächenpflege könnte diversifizierter werden. Biozide und antimikrobielle Reinigungsmittel könnten nur auf Hotspots und bestimmte Zeiträume beschränkt und sollten stets sorgfältig abgewogen werden.

Wir von betterair lesen natürlich gerne die Empfehlungen, die die Forschenden der Uni Graz dem MDR Wissen mitgegeben haben und die alle überall umsetzen können:

  • regelmäßiges Lüften,
  • Zimmerpflanzen,
  • der gezielte Einsatz von nützlichen Mikroorganismen (wie unsere Enviro-Biotics)
  • weniger antibakterielle Reinigungsmittel.

© Illustration Pexels.

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